,,DURCH DIE NATUR WIEDER KLASSISCH WERDEN"

Zum achtzigsten Geburtstag des Malers Karl Stark.

Franz Smola

Ja, das abstrakte Handwerk führt am Ende zum Verdorren, unter seiner geschraubten Rhetorik, in der es sich erschöpft." Immer wieder zitiert der nunmehr achtzigjährige Maler Karl Stark diesen Ausspruch von Paul Cézanne. Starks künstlerisches Credo ist aus Cézannes Erkenntnissen abgeleitet. Doch sieht Stark im Altmeister nicht den Verfechter einer radikal neuen Abbildhaftigkeit, den Begründer der Autonomie der Formen. Sondern es seien vielmehr diejenigen dem Irrtum verfallen, die meinten, Cézanne habe die abstrakte Kunst begründet. Vielmehr habe dieser stets propagiert daß auch die nachfolgenden Maler um das Studium der Natur nicht herum kommen.

Die Generation der österreichischen Maler der Zwischenkriegszeit habe diese Grundsätze noch richtig verstanden. Ein Maler etwa wie Herbert Boeckl habe in seinem Frühwerk noch die richtige Balance gehalten zwischen Form und Farbe, Beseeltheit und Substanz. Bereits 1944 besuchte der damals 23-jährige Stark, die erste Kriegsverwundung vom Fronteinsatz bereits hinter sich, an der Wiener Akademie den Abendkurs von Boeckl, der sich auf Grund der herrschenden politischen Situation von der Meisterklasse zurückgezogen hatte. Der am 4.1.1921 in Glojach in der Steiermark geborene Stark konnte damals bereits auf eine solide Ausbildung an der Grazer Bundesgewerbeschule sowie auf einige Monate beim Grazer Maler Rudolf Szyszkowitz zurückblicken, bevor er nach weiterem Fronteinsatz und schwerer Verwundung die Ausbildung bei Szyszkowitz 1945 fortsetzte. 1947-51 ging Stark wieder nach Wien, um an der Akademie sein Studium weiterzuführen.

Stark wurde Schüler der Meisterklasse Albert Paris Gütersloh. War die Gruppe um Gütersloh, etwa für Lehmden, Fuchs und Brauer, sozusagen das Laboratorium für den Phantastischen Realismus, der glatten, detailverliebten, österreichischen Nachkriegsvariante des Surrealismus, nahm Stark von Anfang eine geradezu oppositionelle Position ein. Schon die frühesten Werke aus der Akademiezeit zeigen die Ausprägung einer Malweise, die Stark in den folgenden Jahrzehnten seines Lebens nicht mehr verlassen sollte. Die Farbe wird pastos auf die Leinwand aufgetragen, oft gespachtelt, wobei sich die Gestik der Faktur bald zum stärksten Gestaltungselement im Schaffen Starks entwickelt. Bedingt durch die Dominanz der Gestik reduziert sich das Motiv auf eine oft nur mehr formelhafte Abbildung, die der Künstler aus der Dynamik des schöpferischen Farbauftrages gleichsam herausschält. Die Bedeutung der Farben im Oeuvre Starks geht über die reine Abbildhaftigkeit hinaus und nimmt Materialcharakter an.
Hier zeigt sich Starks Begeisterung für die österreichischen Frühexpressionisten, etwa für Richard Gerstl, Jean Egger oder Herbert Boeckl. Gerade Boeckls Frühwerk der zwanziger Jahre zeichnet sich durch eine entschiedene Wirkung der pastosen Ölfarbe und deren Materialwirkung aus. Treffend wurde zu dessen frühen Stilleben bemerkt, daß in diesen das Farbmaterial von einem ,,Darstellungsmittel zu einem Gestaltungsmittel geworden ist.“ 

Ambivalent war hingegen Starks Verhältnis zu Boeckls Spätwerk, in welchem der Meister im Ringen um die Auflösung der abbildhaften Form begriffen war. Von Anfang an lehnte Stark diese Tendenzen ab und sah sich dadurch in einer Opposition zur abstrakten Malerei, die sich gerade während seiner Akademiejahre etwa im Umkreis der Galerie nächst St. Stephan herausbildete.
Konsequenterweise distanzierte sich Stark sofort nach Akademieabschluß von ihrem Kunstbetrieb und zog sich aus Wien in die Provinz zurück, nach Radlach im Kärntnerischen Drautal. Von dort aus pendelte er wöchentlich nach Linz, wo er mit einem Lehrauftrag an der Kunstgewerbeschule ein regelmäßiges, wenngleich geringes Einkommen bestreiten und seine Familie durchbringen konnte. In seiner Frau Elfriede Stark-Petrasch, gleichfalls Absolventin der Grazer Kunstgewerbeschule und der Wiener Akademie, fand Stark eine kongeniale Partnerin und Stütze in den darauffolgenden, von nun an ganz der Malkunst gewidmeten Jahrzehnten. Stark-Petrasch ereilte jedoch das Schicksal einer fortschreitenden Erblindung, die sie schließlich zum Aufgeben ihrer Malerei zwang.

Nach Aufgabe des Lehrberufes und ausschließlicher Konzentration auf die Malerei sah sich Stark schließlich wieder zur Rückkehr nach Wien gezwungen. Diese ersten Wiener Jahre ab 1958 gehören künstlerisch zu den fruchtbarsten Perioden in seinem Schaffen. Nach dem damaligen Standort seines Wohnateliers als die ,,Brigittenauer Phase“ bezeichnet, schuf Stark in dieser Phase Bilder von urbanen Landschaften, in denen er sich trotz seines Beharrens auf Abbildhaftigkeit erstaunlich weit in den Bereich der Formauflösung und Verselbständigung der Farbwirkungen vorwagt. Die großzügig angedeuteten Hausmauern und Dachlandschaften unterwerfen sich einer homogenen Farbstruktur, die einer ebenso großzügigen Pinselsprache gegenübersteht. Die Dichte und Geschlossenheit des Farbauftrages sowie die Ausgewogenheit der Komposition gehen über die Abbildhaftigkeit einer Stadtlandschaft weit hinaus und weisen den Weg zu einer Visualisierung von koloristischen Eigendynamiken. In solchen Bildern wird nachvollziehbar, was Stark in seinen theoretischen Überlegungen gerne als die ,,körperhafte Substanz der Farben“ beschreibt.
Für Stark ist das Beharren in der gegenständlichen Kunst aber nicht nur eine ethische Frage, sondern auch eine künstlerische Notwendigkeit. Das Bildmotiv wird zur inspirierenden Kraft, aus welchem sich der Prozeß der Formwerdung fortsetzt. Bewußt wird das Motiv als Ausdruckmittel, als Suggestionselement eingesetzt. Der Künstler kann und will auf das Pathos des Motivs nicht verzichten, etwa in den häufig wiederkehrenden, suggestiven Darstellungen der weiten Drautallandschaften. Der Pathos der Farbe
Bei Stark läßt sich auch vom Pathos der Farbe sprechen. Wenngleich die Farbe ihre den Gegenstand beschreibende Funktion nicht verläßt so spielt sie doch als eigenständiges Gestaltungsmittel eine zentrale Rolle. Nach den Worten des Künstlers ist der Malprozeß ein Ringen mit Farben und Formen. Nie werden die Motive durch Vorzeichnung vorbereitet, sondern entwickeln sich allmählich aus dem Farbauftrag. Nicht selten werden Farbpartien auch wieder übermalt. Aus diesem Übermalungsprozeß entwickelt sich dann in Eigendynamik die endgültige Formfindung.

Die Auseinandersetzung Starks mit der Materialhaftigkeit der Farbe läßt sich erstaunlicherweise besonders gut in einem Medium nachvollziehen, dessen sich der vorwiegend in Öl arbeitende Künstler lediglich phasenweise bedient, nämlich in seinen Gouacheblättern. Besonders in den siebziger Jahren schuf Stark mehrere Gouacheserien, in den vergangenen Jahren sehr wenige. Geschickt nützt der Künstler die infolge des Trocknungsprozesses sichtbaren Spuren des Malvorganges aus und erreicht eine gesteigerte Intensität durch die ineinander verfließenden Farben. In dieser Vereinnahmung von überraschenden koloristischen Effekten für suggestive Landschaftsmotive von nahezu magischer Wirkung erweist sich Stark als legitimer Nachfolger des Hauptmeisters der expressionistischen Gouache, Emil Nolde.
Das bewußte Replizieren von Vorbildern gehört mit zu Starks Spezifikum. Stark ist ein rückhaltloser Bewunderer der Expressionisten der ersten Stunde und ihrer Wegbereiter, seien es Nolde oder Corinth, Cézanne oder Van Gogh, Kees van Dongen oder Kokoschka. Er scheut sich nicht, das von diesen Künstlern mustergültig Erreichte auch in sein Schaffen einzubeziehen. In den achtziger Jahren etwa prägt sich bei Stark ein Stil aus, in welchem seine Pinselschrift eine besonders unruhige, fahrige Gestik erreicht und die Konturen aufgerissen erscheinen läßt, was etwa an die berühmten „Walchenseebilder“ von Lovis Corinth erinnert. Auf Bildern dieser Zeit reduziert sich zuweilen das schlichte Motiv von kahlen Bäumen zu einer beinahe formelhaften Chiffre, der ein toniges, reichhaltiges Kolorit gegenübersteht.

Vor allem zu den österreichischen Expressionisten hat Stark ein ganz besonderes Verhältnis, das über eine stilistische Anlehnung hinausgeht. Bei einigen Künstlern rechnet sich Stark selber an, sie für den Kunstmarkt und ihre Sammler erst erschlossen bzw. wiederentdeckt zu haben. So hatte Stark Kontakt mit Gerstls Bruder und war kurze Zeit Besitzer des berühmten „Selbstbildnisses vor blauem Hintergrund“ von 1905 von Richard Gerstl, bevor es in den Besitz von Prof. Leopold wanderte. Stark regte Kunsthistoriker und Sammler dazu an, dem bis dahin kaum beachteten Werk von Jean Egger oder Alfred Wickenburg Aufmerksamkeit zu schenken und setzt sich vehement für das Oeuvre des bis heute unterschätzten Malers Hans Böhler ein. Schließlich gründete Stark seine eigene Kunstgalerie, die Galerie Austria unweit vom Wiener Stephansplatz, in welcher er sich auf die Präsentation der klassischen österreichischen Moderne konzentrierte. Heute wird die Galerie von Starks Sohn Wolfgang Stark geleitet.
Natürlich diente dem Maler die Galerie Austria stets auch als Verkaufsort seiner eigenen Werke. Als engagierter Künstler war er an einer regen Präsenz im in- und ausländischen Kunstbetrieb interessiert. Bereits 1964 stellte er mit Erfolg in der Galerie Ror Volmar in Paris, sowie 1967 in der Galerie St. Etienne in New York aus. In Wien war Stark in diesen Jahren bei Nebehay und in der Galerie Würthle vertreten, in Salzburg war er in späteren Jahren regelmäßiger Gast in der Galerie Weihergut. Weiters kann Stark bereits auf eine erfolgreiche Ausstellungstätigkeit zurückblicken. Personalausstellungen von Werken Starks waren zum wiederholten Mal im Grazer Joanneum (1950, 1956, 1971) zu sehen, weiters in der Wiener Secession (1957), im Kärntner Landesmuseum (1957), im Künstlerhaus Klagenfurt (1963) sowie in der Kärntner Landesgalerie und in der Österreichischen Galerie Belvedere, Wien (1977) und im Rupertinum Salzburg (1993). 

Durch seinen gegenständlichen, relativ leicht verständlichen Stil konnte Stark stets auf eine gewisse Käuferschicht zählen. Zu dieser Popularität trägt wohl auch Starks Beschränkung auf wenige Motive bei, die er in immer neuen Varianten vorführt. Zu seinen Hauptthemen zählen Landschaftsdarstellungen, in späteren Jahren vor allem Motive aus Kärnten und dem Salzkammergut, weiters Stilleben mit Blumen und Früchten sowie weibliche Aktdarstellungen. Bei manchen Bildern, wie etwa der in Herbst und Frühjahr 1998/99 entstandenen Serie der „Altausseer Landschaften“ zieht der Künstler bewußt die Attraktivität des Motivs ins Kalkül.
Vorwürfe, seine Kunst neige sich zuweilen ins Gefällige, prallen am Künstler ab. Dieser ist Widerspruch gewöhnt. Zu oft hörte Stark über die Jahrzehnte hinweg, in denen sich die ungegenständliche Kunst, Informel, Pop Art, Neue Wilde oder neue sozial engagierte Ausdrucksformen ihre Bahn brachen, daß seine Kunst eine ewiggestrige sei. Bereits Boeckl hatte ihm auf der Akademie den Vorwurf gemacht, daß er male, wie Boeckl selber schon vor zwanzig Jahren gemalt habe. Andererseits litt Stark darunter, von der offiziellen Kunstseite ignoriert zu werden. Für ihn war das Kunstestablishment eine Kunstdiktatur, die von Monsignore Mauer nach dem Krieg begonnen und durch die offizielle Kunstpolitik der darauffolgenden Jahrzehnte künstlich am Leben erhalten wurde, und Stark fühlte sich wie viele andere Maler als eines ihrer Opfer.

weiter >>>